9. Sitzung des Arbeitskreises Wirtschaftsarchive Bayern bei der Giesecke & Devrient GmbH in München


Am 1. Juni 2010 traf sich der vom Bayerischen Wirtschaftsarchiv geführte Arbeitskreis Wirtschaftsarchive Bayern zu seiner 9. Arbeitstagung bei der Giesecke & Devrient GmbH in München. Das Thema der Tagung lautete „Notfallvorsorge im Archiv“. Dr. Eva Moser, Leiterin des Bayerischen Wirtschaftsarchivs, begrüßte 32 Wirtschaftsarchivarinnen und Wirtschaftsarchivare aus dem Freistaat und dem angrenzenden Tirol, die der Einladung gefolgt waren. Sie verwies auf die nach wie vor breite Akzeptanz des Arbeitskreises und stellte kurz die neu hinzugestoßenen Kolleginnen und Kollegen vor. Sie dankte Mark Stelzer, Leiter Kundenbeziehungsmanagement der Giesecke & Devrient GmbH (G&D), für die gewährte Gastfreundschaft zur Ausrichtung der Arbeitstagung.
Mark Stelzer stellte kurz die Geschichte des Hauses vor. Das Unternehmen wurde 1852 von Hermann Giesecke (1831–1900) und Alphons Devrient (1821–1878) in Leipzig als „Typographisches Kunst-Institut Giesecke & Devrient” gegründet. Es war zunächst auf den Banknotendruck sowie die Lieferung der entsprechenden Sicherheitspapiere und der Maschinen zur Banknotenbearbeitung spezialisiert. 1948 erfolgte der Neuaufbau in München, während die in Leipzig vorhandenen Anlagen verstaatlicht und als VEB Deutsche Wertpapierdruckerei weiter betrieben wurden. Seit 1958 lieferte G&D die Hälfte der Banknoten für die Deutsche Bundesbank und war 1968 an der Entwicklung des Eurocheques und der Eurochequekarte beteiligt. Ab 1999 druckte G&D für die europäische Zentralbank Banknoten für die neue europäische Währung Euro auf der Grundlage modernster Sicherheitsstandards. Ausgehend vom Banknotendruck entwickelte sich die Firma zu einem international führenden Spezialisten für weitere Sicherheitstechnologien, insbesondere in den Bereichen Chipkarten, elektronischer Zahlungsverkehr, Personenidentifizierung und Internetsicherheit. 2009 erwirtschaftete der Konzern mit knapp 10.000 Mitarbeitern einen Umsatz von rund 10 Milliarden Euro. Seit einigen Jahren unterhält G&D in München ein eigenes Unternehmensarchiv. Die ältere Schriftgutüberlieferung bis 1948 befindet sich im Staatsarchiv Leipzig.
Unter dem Referatstitel „Was wäre wenn? Notfallvorsorge im Archiv“ berichtete Dr. Christian Finger, Director Information Management, Chemical Services, Wacker Chemie AG, Burghausen, über notwendige Maßnahmen eines funktionierenden Notfallschutzes im Archiv. Dr. Finger erinnerte eingangs an die Brandkatastrophe der Anna Amalia Bibliothek in Weimar 2004, die zu einem Totalverlust von 50.000 und einer Beschädigung von 62.000 Bänden führte. Dieses Unglück sollte jedes Archiv zu entsprechender Notfallvorsorge animieren. Ziel muss es sein, durch vorausschauende Planung und Maßnahmenkoordinierung die Havariegefahr zu minimieren und im Katastrophenfall den Schutz von Personen und Archivgut möglichst zu gewährleisten. Eine Bedrohung des Schriftgutes erfolgt in erster Linie durch Feuer- und Wasserschäden (verursacht durch Wasserrohrbruch oder Löschwasser) und in deren Folge durch Schimmelbefall. Notwendige Vorbeugemaßnahmen sind:
  • Installation von Brand- und Rauchmeldern in den Archivräumen
  • Wasserrohre verlegen oder wasserdicht einkoffern
  • Begehung der Räumlichkeiten mit der Feuerwehr
  • Alarmtafel erstellen und aushängen
  • Notrufnummer an allen Telefonen anbringen
  • Gefahrenabwehrplan erstellen
  • Ersthelfer schulen
  • Feuerlöschkurse für alle Mitarbeiter besuchen
  • Archivgut für den Rettungsfall priorisieren (Reihenfolge der Bergung)
  • Kühlhausauslagerung für durchnässtes Schriftgut für den Katastrophenfall sicherstellen
  • Plastiktütenvorrat zur Verpackung nassen Schriftguts anlegen
  • Regelmäßige Notfallübungen durchführen

Für den reibungslosen Ablauf der Rettungsmaßnahmen im Ernstfall ist in Abstimmung mit der Feuerwehr ein detaillierter Gefahrenabwehrplan (GAP) zu erstellen. Dieser Katalog sollte zum einen alle wichtigen Dokumente und Vorschriften zur Notfallabwehr und zum anderen nützliche Hinweise für die Feuerwehr im Katastrophenfall enthalten:
  • Zuständigkeit bzw. Verantwortlichkeit der Mitarbeiter
  • Rufnummern
  • Standortplan für Meldeeinrichtungen und Sicherheitsausrüstung (Erste-Hilfe-Kasten, Feuerlöscher usw.)
  • Flucht- und Rettungswegeplan mit Sammelplatz
  • Entwässerungs-, Leitungs- und Gebäudeplan
  • Brandschutzordnung
  • Anfahrtskizze für die Feuerwehr
  • Verständigung mit der Feuerwehr über zu verwendende Löschmittel (Pulver, CO², Wasser)

Der GAP muss sowohl im Archiv, als auch bei der Feuerwehr in ständig aktualisierter Form vorliegen.
Ist der Notfall tatsächlich eingetreten, sind der Reihe nach folgende Maßnahmen zu ergreifen.
Primärmaßnahmen:
  • Überblick verschaffen
  • Notrufnummer wählen und Feuermelder betätigen
  • Melden (wo, was, wann)
  • Mitarbeiter warnen, Personen in Sicherheit bringen (aber ohne Gefahr für das eigene Leben)
  • Keine Aufzüge benutzen
  • Fluchtwege einhalten, Sammelplatz aufsuchen
  • Feuerwehr einweisen

Sekundärmaßnahmen:
  • An sicherem Ort erste Hilfe leisten
  • Ungefährliche Notfallmaßnahmen selbst durchführen (z.B. Fenster schließen, Feuerlöscher betätigen, Ventile schließen etc.)

Tertiärmaßnahmen:
  • Geschädigtes Archivgut vorsortieren (verloren, restaurierbar angebrannt, restaurierbar nass)
  • Nasses Schriftgut schnellstmöglich in kleine Gebinde verpacken
  • Abtransport ins Gefrierhaus bewerkstelligen
  • Gefriertrocknung vorbereiten
  • Restaurierung organisieren

Abschließend nannte Dr. Finger einige Internetadressen mit weiterführenden Merkblättern und Erfahrungsberichten zur Notfallvorsorge.
http://www.schempp.de/bestandserhaltung/wassertxt.htm
http://www.uni-muenster.de/Forum-Bestandserhaltung/notfall/wasser.html
http://www.akmb.de/web/pdf/notfall.pdf

Dr. Daniel Burger vom Staatsarchiv Nürnberg referierte anschließend über zwei schwere Brandkatastrophen mit großen Archivalienverlusten im Bereich der staatlichen Archivverwaltung Bayerns. So gingen in Schloss Wässerndorf bei Seinsheim ausgelagerte wertvolle Altbestände des Staatsarchivs Würzburg am 5. April 1945 durch Brandstiftung eines amerikanischen Soldaten vollständig in Flammen auf. Die bislang größte Brandkatastrophe eines bayerischen Archivs in der Nachkriegszeit traf am 21. Oktober 1961 das auf der Burg Trausnitz untergebrachte Staatsarchiv Landshut. Ursache war ein in einem Wassereimer vergessener Tauchsieder der Archiv-Putzfrau, der einen Schwelbrand im Holzboden verursachte, der erst 37 Stunden nach der Entdeckung vollständig gelöscht werden konnte. Die Bestandsaufnahme ergab einen Totalverlust von etwa 4000 Bänden (vor allem Briefprotokolle und Akten des Hochstifts Passau). Weitere 4000 beschädigte Bände und Akten bedurften der Restaurierung, die zum Teil noch heute anhält.
Nach einem Mittagsimbiss auf Einladung der Giesecke & Devrient GmbH stand eine fachkundige Führung von Mark Stelzer durch die im Banknotenmuseum von G&D gezeigte Ausstellung „Echt oder falsch? Falsches Geld aus allen Kontinenten“ auf dem Programm. Besonders beeindruckte dabei ein von einem Münchner „Blüten-Künstler“ handgezeichneter und in Umlauf gebrachter Tausendmarkschein, der nur vom Fachmann als Fälschung zu identifizieren war. Wie immer bot die Tagung ausreichend Gelegenheit für kollegiale Gespräche und intensiven Erfahrungsaustausch.


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