8. Sitzung des Arbeitskreises Wirtschaftsarchive Bayern bei der IHK für München und Oberbayern in München


Am 30. Juni 2009 traf sich der Arbeitskreis Wirtschaftsarchive Bayern zu seiner 8. Arbeitstagung. Gastgeber war diesmal die IHK für München und Oberbayern. Peter Driessen, Hauptgeschäftsführer der IHK für München und Oberbayern, begrüßte 25 Wirtschaftsarchivarinnen und –archivare in der IHK-Akademie an der Orleansstraße, an der auch das Bayerische Wirtschaftsarchiv als Gemeinschaftseinrichtung der bayerischen Industrie- und Handelskammern angesiedelt ist. Dr. Eva Moser, Leiterin des Bayerischen Wirtschaftsarchivs, dankte Herrn Driessen für die gewährte Gastfreundschaft und verwies auf das nach wie vor rege Interesse an den jährlichen Arbeitstagungen, das sich durch die steigende Teilnehmerzahl dokumentiert.
Die Tagung befasste sich mit dem Thema „Firmenjubiläum und Firmengeschichte“ – ein Ereignis, das Unternehmensarchive in regelmäßigen Abständen tangiert und stets von neuem fordert. Für viele Unternehmen bietet ein Firmenjubiläum die Gelegenheit, ihre Geschichte zu erforschen und zu präsentieren. Dies erfolgt meist nicht in klassisch-wissenschaftlicher, sondern in populärer Form, die auf eine breite Rezeption angelegt ist.
Das Referat des Tages übernahm Dr. Dirk Reder, Gründer und Gesellschafter des Geschichtsbüros Reder, Roeseling & Prüfer. Das Kölner Unternehmen recherchiert, schreibt, gestaltet und produziert seit 1999 für „jubilierende“ Unternehmen populärwissenschaftliche Firmengeschichten in Buchform und ist einer der führenden Anbieter in diesem Bereich im deutschsprachigen Raum. Dr. Reder berichtete aus seiner langjährigen Erfahrung von den Tücken und Fallstricken einer solchen Firmengeschichte und davon, wie sie vermieden werden können.
Populär geschriebene Firmengeschichten sind eine eigenständige Gattung mit eigenen Qualitätskriterien. Als solche benannte Dr. Reder:
  • Inhaltliche und sprachliche Verständlichkeit
  • Nutzbarkeit für die Unternehmenskommunikation durch Anbindungsfähigkeit an deren Botschaften
  • Einhaltung des Budgets und der Termine
  • Hochwertige Gestaltung
  • Wissenschaftliche Korrektheit, Richtigkeit und Wahrhaftigkeit
  • Sinnvolle Einbindung der Unternehmensgeschichte in den historischen Kontext
  • Unterhaltungswert und ansprechendes Bildprogramm
  • Positives Feedback der Zielgruppen (Mitarbeiter, Kunden, Öffentlichkeit)

Werden diese Kriterien nicht oder nur ungenügend beachtet, ist ein Scheitern des Projekts „Firmengeschichte“ vorprogrammiert. Dr. Reder ging im Folgenden näher auf die seiner Erfahrung nach sieben häufigsten Ursachen für ein solches Misslingen ein.
  1. Das Konzept der Unternehmensgeschichte korreliert nicht mit den angepeilten Zielen und Zielgruppen: Zielgruppen und die zu vermittelnden Botschaften der Firmenfestschrift müssen klar definiert werden. Davon ist auch abhängig, welches Medium für die Präsentation einer Firmengeschichte gewählt wird. Will das Unternehmen seine Geschichte vorrangig Messebesuchern vermitteln, so macht hier ein Buch wenig Sinn, weil es im Rahmen eines Messestandes kaum eingesetzt werden kann. Ist die Zielgruppe „papierfern“, weil sie selbst Handbücher am liebsten nur noch am Bildschirm liest, ist eine Multimedia-DVD oder eine Internetpräsentation sicher besser angezeigt als ein Buch. Botschaften und Werte wie „Qualität“, „Beständigkeit“, „Hochwertigkeit“, „Nachhaltigkeit“ oder „Traditionsbewusstsein“ passen dagegen ideal zum Medium Buch und werden von ihm am besten repräsentiert. Viele Firmen wählen daher eine Kombination aus unterschiedlichen Medien, um bei unterschiedlichen Anlässen stets das passende bei der Hand zu haben. Ein Buch mit gründlicher Aufarbeitung und durchdachter Darstellung der Firmengeschichte kann dann als Basis dienen, von der andere Formen der medialen Präsentation abgeleitet werden können.
  2. Die falsche Auswahl des Dienstleisters/Verfassers: Die Wahl des Dienstleisters/Verfassers impliziert eine weitreichende Vorentscheidung über den Charakter der Firmenfestschrift. Eine Marketingagentur liefert ein anderes Produkt als ein Journalist, ein freischaffender Historiker ein anderes als ein etablierter Universitätsprofessor. Die „Chemie“ zwischen dem Auftraggeber und dem Dienstleister sollte von Anfang an stimmen, es sollte Klarheit herrschen über das „wording“, das Sprachniveau, die richtige Ansprache der Zielgruppen und die Verpackung der Botschaften.
  3. Die Vernachlässigung der Quellenlage: Auch eine populärwissenschaftliche Firmenfestschrift sollte aus einer möglichst fundierten Quellenbasis schöpfen. Bei Unternehmen, die ein eigenes Archiv besitzen, ist dies eine Selbstverständlichkeit. Viele mittelständische Unternehmen besitzen jedoch oft kaum mehr eigenes Archivmaterial. Als Ersatz sollten in jedem Fall gründliche Interviews mit Zeitzeugen (Mitarbeitern, Pensionären, Eigentümern, Geschäftsführern usw.) geführt und schriftlich dokumentiert werden. In den öffentlichen Archiven finden sich nicht selten Quellen zur Unternehmensgeschichte, die es zu recherchieren gilt. Auch Branchenfachzeitschriften enthalten nicht selten Unternehmensberichte und Werbeanzeigen. Historische Informationen bieten oft auch die Archive der Hausbanken oder von Kunden und Geschäftspartnern. In jedem Fall sollte auch die Fachliteratur zur Branche ausgewertet werden, um deren Entwicklung rekonstruieren und die Stellung des Unternehmens verorten zu können. Auch wenn sich aus diesen Überlieferungen für weiter zurückliegende Perioden oft keine dichte Firmengeschichte schreiben lässt, so reicht das Material doch meist aus, um zumindest die Grundzüge der Entwicklung deutlich werden zu lassen. Sollten dennoch Lücken bestehen, empfahl Dr. Reder, sie offen einzugestehen, da sie einer populärwissenschaftlichen Darstellung keinen Abbruch tun, aber auch um den Eindruck zu vermeiden, bestimmte Kapitel der Unternehmensgeschichte würden bewusst übergangen.
  4. Das Fehlen eines in sich stimmigen Konzepts: Ohne ein tragendes Konzept sind unangenehme Überraschungen und Missverständnisse zwischen Auftraggeber und Dienstleister/Verfasser vorprogrammiert. Letzterer sollte ein ausgefeiltes und durchdachtes Konzept vorlegen, das Auskunft gibt über die Grundstruktur des Buches (chronologisch durchlaufende Geschichte oder themenorientierter Ablauf), über Sprachniveau, Botschaften und Zielgruppen; es sollte Kapitelinhalte, Themen, den „roten Faden“ und die genutzten Quellen benennen.
  5. Die Ausblendung von „Stolpersteinen“ der Firmengeschichte: Keine Firmengeschichte ist frei von bedrohlichen Krisen, unternehmerischen Fehlentscheidungen und innerbetrieblichen Auseinandersetzungen. Diesen Ereignissen sollte nicht mit Verschweigen, sondern mit Offenheit begegnet werden. Dr. Reder wies darauf hin, dass solche Phänomene das „Salz in der Suppe“ sind und dass eine Firmengeschichte als reine, glatte Erfolgsgeschichte nicht nur elend langweilig, sondern auch unglaubwürdig daherkommt und damit ein wichtiges Anliegen der Firmenfestschrift selbst, nämlich die Herstellung von Vertrauen und Glaubwürdigkeit, auf diese Weise verspielt wird. Dies gilt insbesondere auch für die NS-Zeit mit ihren unerfreulichen Begleiterscheinungen wie Zwangsarbeit, Enteignung, Arisierung, Rüstungsproduktion sowie Parteimitgliedschaft oder NS-Funktionen der leitenden Persönlichkeiten. Auch hier empfahl Dr. Reder, diese „dunklen Seiten“ in angemessener Breite zu behandeln und dabei die Chance zu nutzen, die Interpretationshoheit zu behalten und die eigene Sichtweise der Dinge abgewogen, sachlich und überzeugend zu schildern.
  6. Keine klares Prozedere bei der Textkorrektur: Ohne einen festen Ablaufplan bei der Textkorrektur sind Konflikte und Zeitverluste vorprogrammiert. Es muss festgelegt werden, wer zu welchem Zeitpunkt welche Texte liest, wer Änderungswünsche in der Textfassung zusammenbringt und dann freigibt. Auch Übersetzungen für Ausgaben in anderen Sprachen müssen gegebenenfalls auf das korrekte firmeninterne „wording“ und die korrekten Fachbegriffe geprüft werden.
  7. Zu kurzfristige Zeitplanung: Ein nicht pünktlich fertiggestelltes Buch ist ein – zumindest teilweise – gescheitertes Projekt. Um dies zu vermeiden, sollte nach den Erfahrungen Dr. Reders eine Vorlaufzeit von mindestens einem Jahr einkalkuliert werden.

In der anschließenden Diskussion schilderten einige Teilnehmer ihre Erfahrungen bei der Erstellung von Jubiläumsfestschriften in ihren Unternehmen, die sich durchwegs mit den Ausführungen von Dr. Reder deckten. Nach einem Mittagessen auf Einladung der IHK für München und Oberbayern bestand die Möglichkeit zu einer Führung durch die Magazine des Bayerischen Wirtschaftsarchivs. Wie immer bot die Tagung ausreichend Gelegenheit für kollegiale Gespräche und intensiven Erfahrungsaustausch.


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