6. Sitzung des Arbeitskreises Wirtschaftsarchive Bayern bei Audi Tradition in Ingolstadt


Am 19. September 2007 traf sich der vom Bayerischen Wirtschaftsarchiv geführte Arbeitskreis “Wirtschaftsarchive Bayern“ zu seiner 6. Arbeitstagung bei Audi Tradition in Ingolstadt. Auf der Tagesordnung stand das Thema „Digitalisierung und Verwertung von Filmbeständen im Historischen Archiv“.

Thomas Frank, Leiter Audi Tradition, begrüßte 32 Wirtschaftsarchivarinnen und Wirtschaftsarchivare, die der Einladung gefolgt waren, und erläuterte Funktion und Philosophie der Ingolstädter Einrichtung. Seit 1998 zeichnet Audi Tradition – im Verbund mit den beiden Traditionsgesellschaften Auto Union GmbH und NSU GmbH – verantwortlich für die Pflege und Bewahrung der über hundertjährigen Firmengeschichte. Sie kümmert sich um die Darstellung der Historie in der Öffentlichkeit, sammelt, kauft, erhält, restauriert und präsentiert klassische Automobile und Motorräder. Audi Tradition setzt Audi-Klassiker bei Oldtimerveranstaltungen ein und ist zugleich für das Audi museum mobile im Audi Forum Ingolstadt und das Management des Audi Club International verantwortlich. Mit diesen Aktivitäten soll den Kunden und der Öffentlichkeit die Tradition des Hauses Audi bewusst gemacht und die wechselvolle Geschichte der Audi-Vorgängermarken in Verbindung mit der heutigen Marke gesetzt werden. Diese Aktivitäten bilden einen wichtigen Differenzierungsfaktor im internationalen Wettbewerb und dienen der Kundenbindung. Elementarer Bestandteil des Teams Audi Tradition ist das Unternehmensarchiv der Audi AG. Es bewahrt die historisch relevante archivische Überlieferung der AUDI AG und der Vorgänger-Marken (Audi, DKW, Horch, Wanderer und NSU) und trägt wesentlich dazu bei, dass Audi auch in Sachen Historiendarstellung und -pflege zu den Premium-Marken zählt.

Dr. Eva Moser, Leiterin des Bayerischen Wirtschaftsarchivs, dankte Thomas Frank für die Gastfreundschaft im Hause Audi. Ihr Dank galt ebenso Dr. Martin Kukowski, Leiter Unternehmensarchiv der AUDI AG, und seinem Kollegen Lothar Franz. Sie freute sich über die hohe Teilnehmerzahl und das damit dokumentierte ungebrochene Interesse am Arbeitskreis Wirtschaftsarchive Bayern, der sich zu einem der aktivsten Regionalen Arbeitskreise der Vereinigung deutscher Wirtschaftsarchivare entwickelt hat. Das Hauptreferat des Vormittags übernahm Tony Tintes, Geschäftsführer der eins:eins medienproduktion gmbh in Köln. Dieses Unternehmen bietet die Digitalisierung, Archivierung und Verwertung von Film- und Videobeständen als Full-Service-Dienstleistung für Archive an.

In fast jedem Unternehmensarchiv finden sich größere Mengen an Filmmaterial. In der Regel handelt es sich um Werksfilme, in denen das Werksgelände, Produktionsanlagen, Fertigungsprozesse, die betrieblichen Sozialeinrichtungen oder die Meilensteine der Firmengeschichte dokumentiert sind, aber auch um Werbefilme, in denen Produkte oder Dienstleistungen eines Unternehmens reklamewirksam ins Licht gerückt werden. Ein großer Teil dieser filmischen Dokumente ist akut von der Vernichtung bedroht.

Bis Anfang der 1950er Jahre wurden 35mm-Filme (professionelles Format) fast ausschließlich auf Nitrozellulose-Trägermaterial hergestellt. Diese Filme unterliegen einer unaufhaltsamen chemischen Zersetzung, in dessen Endstadium sich das Nitrat spontan entzünden kann. Die spätestens in den 1960er Jahren als Ersatz für die Nitrozellulosefilme verwendeten Zelluloseazetatfilme („saftety film“) sind nicht weniger gefährdet, da das Trägermaterial längerfristig ebenfalls chemische Zerfallserscheinungen aufweist. Jede Abweichung von den optimalen Lagerungsbedingungen hat eine gravierende Verkürzung der Lebensdauer zur Folge. Werden Azetatfilme bei 18° C / 50 % rF aufbewahrt, reduziert sich ihre Lebenserwartung auf ca. 50 Jahre. Die Haltbarkeit der seit den 1970er Jahren in unterschiedlichsten Formaten eingesetzten Videomagnetbänder liegt nach Schätzungen von Experten je nach Umgebungstemperatur und Luftfeuchtigkeit zwischen zehn und sechzig Jahren. Für alle genannten Medien schließlich gilt, dass die entsprechenden Abspielgeräte vielfach nicht mehr verfügbar sind.

Angesichts dieser Situation bietet sich die professionelle Digitalisierung von Film- und Videobeständen als eine Möglichkeit zur Langzeitsicherung an. Tintes erläuterte dies am Beispiel des von eins:eins angewendeten Verfahrens. Dabei erfolgt die Filmabtastung ohne Kompression (daher der Firmenname eins:eins) im 4 K-Modus auf gespiegelten Festplatten. Dies gewährleistet Materialerhalt auf höchstem Niveau in Verbindung mit dauerhafter Konvertierungs- und Migrationsfähigkeit. Die Kosten für die Filmabtastung liegen gegenwärtig bei etwa acht Euro pro Minute für 16 bzw. 35mm Filme. Neben der Digitalisierung bietet eins:eins auch die professionelle inhaltliche Oberflächenerschließung der Filmbestände auf der Basis kundenspezifisch angepasster Softwaretools an, die an bestehende Archivierungssysteme (z. B. FAUST) angebunden werden können. Die weitergehende Tiefenerschließung erfolgt in der Regel durch das Archiv selbst. Gegen Gebühr übernimmt eins:eins für Archive auch die weltweite professionelle Verwertung der Digitalisate. Über ein entsprechendes Datenmanagementsystem werden Versand, Konvertierung, Schnitt, Abrechnung, Rechteverwaltung und Distribution abgewickelt.

Tintes wies darauf hin, dass die für die Digitalisierung und Erschließung aufgewendeten Kosten über eine nun mögliche intensivere und breitere Verwertung der Film- und Videobestände refinanziert werden können. Die gegenwärtig rasant wachsende Welt der Medien hat eine gewaltige Nachfrage nach filmischem Bildmaterial im Internet oder für TV- und DVD-Produktionen hervorgerufen. An diesem Markt könnten auch die Archive mit ihren vielfach noch „ungehobenen Filmschätzen“ – sofern sie in digitaler Form bereitliegen – partizipieren. Tintes führte mehrere Beispiele an, wie es Archiven auf diesem Weg gelungen ist, Verwertungsentgelte zu erlösen, die deutlich über dem liegen, was bisher zu erzielen war.

In der anschließenden Diskussion berichtete Klaus Schönfeld (Linde Group, München) ergänzend über die in seinem Hause bereits weit fortgeschrittene Digitalisierung von Werksfilmen und deren bewährte Nutzanwendung in den Bereichen Marketing und interne Unternehmenskommunikation. Audi-Archivar Lothar Franz ergänzte diese Ausführungen und gab einen Überblick über die im Unternehmensarchiv der Audi AG vorhandenen Filmbestände.

Nach einem Mittagessen auf Einladung von Audi Tradition hatten die Teilnehmer Gelegenheit, unter der exzellenten, weil ebenso fachkundigen wie geistreichen, Führung von Lothar Franz das Depot mit über 150 historischen Fahrzeugen der AUDI AG und ihrer Vorgängermarken – von der Horch Pullman-Limousine bis zum DKW-Schnelllaster – zu besichtigen. Der Verfasser selbst entdeckte – nostalgisch berührt – ein Modell seines ersten eigenen, 1980 gebraucht erworbenen PKWs: einen Audi 100 LS (Baujahr 1972). Wie Lothar Franz erläuterte, wurde dieser Typ seinerzeit von einem Konkurrenzhersteller abfällig als „Prokuristen-Mercedes“ bezeichnet. Allen Teilnehmern bot die Tagung ausreichend Gelegenheit für kollegiale Gespräche und intensiven Erfahrungsaustausch.


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