5. Sitzung des Arbeitskreises Wirtschaftsarchive Bayern bei der Corporate History der Bayerischen Hypo- und Vereinsbank AG in München


Am 18. Juli 2006 traf sich der vom Bayerischen Wirtschaftsarchiv geführte Arbeitskreis “Wirtschaftsarchive Bayern“ zu seiner 5. Arbeitstagung bei der Corporate History der Bayerischen Hypo- und Vereinsbank AG in München. Die Tagung befasste sich mit dem Thema Brandschutz im Historischen Archiv, das durch jüngst eingetretene katastrophale Ereignisse wie den Brand in der Weimarer Herzogin Anna Amalia Bibliothek 2004 oder das Feuer im Nürnberger DB-Museum 2005 eine im wahrsten Sinn des Wortes „brandaktuelle“ Bedeutung erlangt hat.

Heinz Laber, Mitglied des Vorstandes der Bayerischen Hypo- und Vereinsbank AG, begrüßte 25 Wirtschaftsarchivarinnen und Wirtschaftsarchivare, die der Einladung gefolgt waren. Er verwies auf die lange Tradition des Münchner Kreditinstitutes, das aufgrund mehrerer Fusionen in der jüngeren Vergangenheit heute zu den größten privaten Banken in Deutschland zählt und dessen Wurzeln in Bayern die Bayerische Staatsbank (gegr. 1780), die Bayerische Hypotheken- und Wechselbank AG (gegr. 1835) und die Bayerische Vereinsbank AG (gegr. 1869) bilden. 2000 wurde die Integration der Bank Austria Creditanstalt in Wien vollzogen, fünf Jahre später erfolgte die Übernahme der Vereins- und Westbank in Hamburg. Seit 2005 ist die Bayerische Hypo- und Vereinsbank AG Mitglied der Mailänder UniCredit Group.

Dr. Eva Moser, Leiterin des Bayerischen Wirtschaftsarchivs, dankte Heinz Laber für die Gastfreundschaft im Haus der Bayerische Hypo- und Vereinsbank AG. Sie verwies auf das erfolgreiche fünfjährige Bestehen des Arbeitskreises Wirtschaftsarchive Bayern, der sich in dieser Zeit zu einem der aktivsten Regionalen Arbeitskreise der Vereinigung deutscher Wirtschaftsarchivare entwickelt hat. Sie appellierte an die Teilnehmer, das Netzwerk auch weiterhin so engagiert wie bisher zu pflegen. Ihr Dank galt Elke Pfnür, der Leiterin der Corporate History, und ihrer Kollegin Mandy Frenkel sowie Dipl.-Ing. Wolfgang Raab, Hauptabteilungsleiter Risk-Management bei der Versicherungskammer Bayern, für die Übernahme der Tagungsreferate.
Vor dem Einstieg in das Thema Brandschutz gab Mandy Frenkel zunächst eine kurze Einführung in die Aufgaben und Ziele der Fachabteilung Corporate History der Bayerische Hypo- und Vereinsbank AG. Die Abteilung wurde 2003 neu konzipiert. Sie versteht sich als Teil der Corporate Identity und als Kompetenzcenter für die Geschichte der Bank. Gleichzeitig ist sie Bestandteil der Corporate Behavior und steht damit für das Verhalten des Kreditinstituts in Bezug auf die eigene Unternehmensgeschichte. Ziel ist unter anderem die Schaffung eines vertrauensvollen Verhältnisses zu den Zielgruppen der Bank (Kunden, Investoren, Mitarbeiter, Ratingagenturen, Wissenschaft, Medien, allgemeine Öffentlichkeit) durch einen seriösen Umgang mit der eigenen Vergangenheit. Seit 2004 lässt die Bayerische Hypo- und Vereinsbank AG deshalb das Verhalten ihrer Vorgängerbanken während der Zeit des Nationalsozialismus von unabhängigen Wissenschaftlern des Münchner Instituts für Zeitgeschichte erforschen, dessen Ergebnisse 2008 veröffentlicht werden sollen. Aus dem Selbstverständnis heraus, dass Geschichte ein Zeichen von Tradition und Stabilität ist und damit als ein Fundament für die Zukunft der Bank dient, betreibt Corporate History auch das Historische Archiv der Bayerischen Hypo- und Vereinsbank AG. Im Februar 2005 wurde das zuvor auf mehrere, baulich unzureichende Standorte verteilte Archivgut in einem einzigen Archivmagazin mit einer Kapazität von 10.000 Fachbodenmetern konzentriert, wovon gegenwärtig etwa 55 Prozent belegt sind.

Wolfgang Raab eröffnete seinen Vortrag über Brandverhütung und Schadensbegrenzung bei historischen Archiven mit einem Zitat aus einer Urteilsbegründung des Verwaltungsgerichts Gelsenkirchen vom 14.11.1985: „Es entspricht der Lebenserfahrung, dass mit der Entstehung eines Brandes praktisch jederzeit gerechnet werden muss. Der Umstand, dass in vielen Gebäuden jahrzehntelang kein Brand ausbricht, beweist nicht, dass keine Gefahr besteht, sondern stellt für die Betroffenen einen Glücksfall dar, mit dessen Ende jederzeit gerechnet werden muss!“ Diese Feststellung sollte jedem Archivar die Notwendigkeit vor Augen führen, sowohl vorbeugende Maßnahmen zum Brandschutz zu treffen als auch im Ernstfall mit einem Notfallplan gerüstet zu sein, um Evakuierungs- und Rettungsmaßnahmen einleiten und die Schäden an Gebäuden und Archivgut möglichst begrenzen zu können.
Als vorbeugende Maßnahmen empfahl Wolfgang Raab die Erarbeitung eines umfassenden Schutzkonzeptes und dessen vollständige Umsetzung für das jeweilige Gebäudeobjekt bzw. Archivmagazin. Die dauernde Wirksamkeit vorhandener technischer Brandschutzeinrichtungen (Rauch- und Wärmemelder, manuelle Feuerlöscher, Sprinkler- und CO2-Gaslöschanlagen, Rauch- und Wärmeabzüge, Brandschutzklappen für Lüftungsanlagen) kann nur durch regelmäßige Kontrollen, Wartung und Instandhaltungsmaßnahmen gewährleistet werden. Brandschutztüren sollten stets geschlossen gehalten werden und dürfen nicht verkeilt sein. Nachträgliche Öffnungen in Wänden mit brandschutztechnischer Funktion sind brandschutztechnisch zu verschließen. Rettungswege müssen in vorgeschriebener Breite nutzbar und frei von abgestellten Gegenständen sein – ein Diktum, das in beengten Archivmagazinen von den Verantwortlichen nur zu oft missachtet wird.

Tritt der Brandfall trotz aller präventiven Anstrengungen ein, kann nur eine Notfallplanung Panik, Ratlosigkeit und Chaos verhindern. Die Notfallplanung sollte sich auf die ersten 48 Stunden nach dem Schadenereignis erstrecken. In dieser Zeit werden die Weichen für erfolgreiche Rettungsmaßnahmen von Archivgut gestellt. Für die Erarbeitung eines Notfallplanes ist es sinnvoll, Entscheidungsträger und Fachleute verschiedener Bereiche zu einem Planungsteam zusammenzuführen. Neben Mitarbeitern des Firmenarchivs sollten der Brand- bzw. Sicherungsbeauftragte sowie der Leiter der Haustechnik des Unternehmens, Vertreter von Feuerwehr, Polizei und des Feuerversicherers einbezogen werden, um verschiedene Gefährdungsaspekte und die entsprechenden Maßnahmen zu einem schlüssigen und vorausschauenden Gesamtkonzept zu bündeln. Als zentrale Elemente gelten dabei:
  • Erstellungen einer Ablauforganisation für den Notfall (Benennung von Koordinatoren, Festlegung der Funktionsträger und deren Vollmachten, Dokumentation von Erreichbarkeiten durch eine Alarmtafel mit Telefonliste)
  • Vorhalten von ersten Hilfsmitteln (Planen, Decken, Handschuhe, Verpackungsmaterial etc.)
  • Festlegung von Transportwegen aus dem Archivmagazin, Sicherung von Transportkapazitäten und Ausweichlagermöglichkeiten für das zu evakuierende Archivgut
  • Erstellung einer Adressenliste mit Ansprechpartnern und Telefonnummern für die Untersuchung des Schadenumfangs und für Sofortmaßnahmen zur Konservierung (Gefriertrocknung) und Restaurierung des Archivguts
  • Prioritätensetzung für die Rettung von Archivgut
  • jährliche Objektbegehung mit Vertretern von Feuerwehr und Polizei, Abstimmung der Notfallplanung mit dem Feuerversicherer

Wolfgang Raab schloss mit einem eindringlichen Appell an die anwesenden Archivare, die oft mit hohem Aufwand an Mühen und Arbeitskraft erhaltenen kulturgeschichtlich wertvollen Archivbestände in Unternehmen nicht durch eine Vernachlässigung des Brandschutzes bzw. einer entsprechenden Notfallplanung im Ernstfall leichtfertig aufs Spiel zu setzten.

Elke Pfnür berichtete in ihrem abschließenden Vortrag über das vom Historischen Archiv der Bayerische Hypo- und Vereinsbank AG angewandte System des Brandschutzes mittels Sauerstoffreduktion. Zur Entstehung eines Brandes sind Brennstoff, Sauerstoff und Wärmeenergie notwendig. Fehlt eine dieser Komponenten, etwa der Sauerstoff, kann kein Feuer entstehen und die Brandgefahr ist absolut gebannt. Die Sauerstoffreduktion basiert auf einer Technologie, die den Sauerstoffgehalt der Raumluft über die Zufuhr von Stickstoff kontrolliert reduziert. Die im Archivmagazin der Bayerische Hypo- und Vereinsbank AG eingesetzte OxyReduct-Anlage der Firma Wagner Alarm- und Sicherungssysteme GmbH aus Langenhagen erhöht den natürlichen Bestandteil von Stickstoff in der Atemluft um knapp 8 Prozent. Dadurch verringert sich der natürliche Sauerstoffgehalt der Luft von knapp 21 Prozent auf 13,4 Prozent. Ein Brand ist unter diesen Bedingungen nicht mehr möglich. Die vorgenommene Verringerung der Sauerstoffkonzentration durch Stickstoff ist mit der natürlichen Atmosphäre im Hochgebirge bei einer Meereshöhe von 3700 Meter vergleichbar. Unter diesen Umständen ist die Begehbarkeit für den Menschen unbedenklich, sofern bestimmte, von der Berufsgenossenschaft festgelegte Regeln strikt eingehalten werden. Dementsprechend müssen sich die Archivmitarbeiter einer jährlichen arbeitsmedizinischen Untersuchung unterziehen. Eine ärztliche Tauglichkeitsbescheinigung benötigen auch alle übrigen Personen, die sich vorübergehend in den Archivräumen aufhalten, etwa Mitarbeiter von Wartungs- und Transportfirmen, der Haustechnik oder der Banksicherheit. In jedem Fall ist der Aufenthalt auf maximal zwei Stunden begrenzt. Vor dem erneuten Betreten muss eine mindestens halbstündige Pause unter normaler Sauerstoffkonzentration in der Atemluft eingehalten werden. Bei Personen, die kein ärztliches Attest vorweisen können, gilt eine Aufenthaltsdauer von maximal zehn Minuten arbeitsmedizinisch als unbedenklich.

Nach einem Mittagessen auf Einladung der Bayerische Hypo- und Vereinsbank AG hatten die Teilnehmer Gelegenheit, das sauerstoffreduzierte Archivmagazin innerhalb der erlaubten Zeitspanne von zehn Minuten selbst in Augenschein zu nehmen. Keiner der „Probanden“ klagte anschließend über Symptome akuter Höhenkrankheit. Wie immer bot die Tagung ausreichend Gelegenheit für kollegiale Gespräche und persönlichen Erfahrungsaustausch.


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