4. Sitzung des Arbeitskreises Wirtschaftsarchive Bayern im Allianz Center für Corporate History München


Am 14. Juni 2005 traf sich der vom Bayerischen Wirtschaftsarchiv geführte Arbeitskreis “Wirtschaftsarchive Bayern“ zu seiner 4. Arbeitstagung im Allianz Center for Corporate History in München. 39 Wirtschaftsarchivare aus dem Freistaat waren der Einladung gefolgt. In ihrer Begrüßung wertete Dr. Eva Moser, Leiterin des Bayerischen Wirtschaftsarchivs, die erfreulich hohe Teilnehmerzahl als signifikanten Beweis dafür, dass die seit 2002 gepflegte jährliche Zusammenkunft der bayerischen Wirtschaftsarchivare mittlerweile einen hohen Stellenwert in der weiß-blauen Archivlandschaft einnimmt. Dr. Moser dankte Barbara Eggenkämper, Leiterin des Firmenhistorischen Archivs der Allianz und Ellen Heather von der Mitarbeiterkommunikation der Allianz Group für die Ausrichtung der Veranstaltung im Haus der Geschichte der Allianz und ihre Bereitschaft, das Tagungsreferat zu übernehmen.
Die Veranstaltung beschäftigte sich mit dem für Unternehmensarchivare wichtigen Thema „Archive und Kommunikation“. Barbara Eggenkämper und Ellen Heather konstatierten eine wachsende Bedeutung der unternehmerischen Öffentlichkeitsarbeit und der Mitarbeiterkommunikation zur Stärkung der Unternehmenskultur. In ihrem gemeinsam gehaltenen Vortrag widmeten sie sich der Frage, auf welche spezifische Weise das Unternehmensarchiv den Anforderungen der unternehmerischen Öffentlichkeitsarbeit gerecht werden und wie die historische Arbeit des Firmenarchivs auch für die immer wichtiger werdenden Belange der Mitarbeiterkommunikation genutzt werden kann. Beide Themenkomplexe wurden anhand von konkreten Beispielen aus der Arbeit des Firmenhistorischen Archivs der Allianz AG erläutert.
In den letzten Jahren lässt sich bei vielen international tätigen Unternehmen ein verstärktes Interesse an der eigenen Geschichte erkennen. Dahinter steht das Bestreben der Firmen, sich durch eine Aufarbeitung ihrer Geschichte als traditionsbewusst, transparent und verantwortungsvoll zu präsentieren und damit eine positive Außenwirkung zu erzielen. Dies gilt insbesondere für die Aufarbeitung der Unternehmensgeschichte in der Zeit des Nationalsozialismus. Die Allianz AG hat 1997 unter intensiver Einbindung des 1993 gegründeten Firmenhistorischen Archivs ein Forschungsprojekt zur Geschichte der Versicherungsgesellschaft im „Dritten Reich“ initiiert, dessen Ergebnisse 2001 in einer umfangreichen Studie des renommierten amerikanischen Wirtschaftshistorikers Professor Gerald D. Feldman einer breiten internationalen Öffentlichkeit (Fachwelt, Kunden, Mitarbeiter) vorgestellt wurden. Mittels einer vom Unternehmensarchiv erarbeiteten und im Allianz Center for Corporate History präsentierten Dauerausstellung wurde das Thema anschaulich aufbereitet. Die Nutzung der von der Öffentlichkeitsarbeit der Allianz bereitgestellten Plattformen (Mitarbeitermagazin, Mitarbeiterbrief, Hauszeitschrift, Intranet und Internet) ermöglichte es dem Unternehmensarchiv, die gewonnenen historischen Informationen Interessierten, Kunden und Mitarbeitern der Allianz an allen Standorten weltweit zu kommunizieren. Ein von der Leiterin des Firmenhistorischen Archivs mit dem Vorstandsvorsitzenden der Allianz AG geführtes und im Film aufgezeichnetes Interview zur Haltung des Unternehmens während der NS-Zeit ergänzte die öffentlichkeitswirksamen Maßnahmen des Archivs.
Auch bei der Allianz AG steht der Ausbau und die Intensivierung der Mitarbeiterkommunikation im Fokus der Bemühungen der Unternehmensleitung. Durch die Implementierung verbindlicher interner „leadership values“ soll die Unternehmensstrategie konsistent und durchgängig vermittelt, die Leistungskultur gestärkt, der Fokus auf den Kunden ausgerichtet, die Mitarbeiterförderung als zentraler Wert verankert und der Stellenwert von Vertrauen und Feedback im Rahmen einer entwickelten Dialog-Kultur zur Geltung gebracht werden. Zur Verankerung dieser Ziele im Unternehmen kann auch das Unternehmensarchiv durch die Bearbeitung und Kommunikation entsprechender Themen aus historischer Perspektive beitragen: Es kann die historische Entwicklung der jeweils geltenden Unternehmensstrategie erläutern und ihre Einordnung in die Unternehmensgeschichte vornehmen, durch Informationen zur Firmengeschichte identitätsstiftend wirken, durch historische Mitarbeiter-Porträts Möglichkeiten zum individuellen Beitrag einzelner Firmenangehöriger deutlich machen, Beispiele für Kundenorientierung und Mitarbeiterförderung in der Vergangenheit aufzeigen sowie Vertrauen durch Kontinuität und Transparenz in der Firmengeschichte herstellen. Barbara Eggenkämper und Ellen Heather betonten, dass die Mitarbeiter eine wichtige Rolle als Multiplikatoren bei der Außendarstellung des Unternehmens und seiner Geschichte spielen. Für die archivische Öffentlichkeitsarbeit stellen sie deshalb eine zentrale Zielgruppe dar. Dies gilt insbesondere bei Ausstellungen und Publikationen, die vom Firmenhistorischen Archiv der Allianz AG anlässlich von Jubiläen erarbeitet werden. Zur Feier der 75jährigen Zugehörigkeit der Frankfurter Versicherungs AG zum Allianz-Konzern 2004 erschien deshalb eine von den Mitarbeitern des Archivs verfasste Unternehmensgeschichte in Buchform, die speziell für die Mitarbeiter und Kunden des Hauses konzipiert wurde. Zum 75jährigen Jubiläum des Konzernunternehmens Vereinte Versicherung AG (heute: Allianz Private Krankenversicherung) im Jahr 2000 realisierte das Archiv für die Mitarbeiter einen Film zur Historie, der bei der Festveranstaltung gezeigt wurde, sowie eine Artikelserie zur Firmengeschichte in der Hauszeitschrift. Zum 50jährigen Bestehen der Allianz-Hauptverwaltung in München 2004 präsentierte das Archiv zur Festveranstaltung eine Ausstellung unter dem Titel „Arbeitswelten gestern und heute“, die auf reges Interesse stieß. In der seit 1996 im Allianz Center für Corporate History präsentierten Dauerausstellung zur Entwicklung des Allianz-Konzerns schließlich werden vom Archivteam jährlich etwa hundert Führungen für Mitarbeiter aus allen Konzernunternehmen durchgeführt. In der anschließenden Diskussion bestätigten die Teilnehmer die Vorteile und Synergien, die sich aus einer engen Zusammenarbeit zwischen Unternehmensarchiv und Unternehmenskommunikation ergeben und die geeignet sind, die Stellung des Archivs im Unternehmen zu festigen. Daneben wurde aber auch auf die Gefahr einer Instrumentalisierung der Unternehmenshistorie zur bloßen Identitätsstiftung im Rahmen der Corporate Culture hingewiesen. Es bestand Einigkeit über die zentrale Bedeutung der klassischen Arbeitsfelder Quellensicherung und Erschließung, sowie Forschung und Recherche. Letztere bilden die Voraussetzung und Grundlage für eine erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit.
Nach dem gemeinsamen Mittagessen auf Einladung der Allianz AG führten Barbara Eggenkämper und Gerd Modert die Teilnehmer ebenso kenntnisreich wie kurzweilig durch die Dauerausstellung zur Geschichte des Allianz-Konzerns. Darüber hinaus bot die Tagung Gelegenheit für kollegiale Gespräche und persönlichen Erfahrungsaustausch.


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