15. Sitzung des Arbeitskreises Wirtschaftsarchive Bayern beim MAN Truck Forum in München


Am 19. Juli 2016 traf sich der vom Bayerischen Wirtschaftsarchiv geführte Arbeitskreis Wirtschaftsarchive Bayern zu seiner 15. Arbeitstagung beim MAN Truck Forum in München. Dr. Eva Moser, Leiterin des Bayerischen Wirtschaftsarchivs, konnte 47 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus bayerischen Unternehmensarchiven begrüßen. Zehn „neue“ Kolleginnen und Kollegen nahmen erstmals an der Veranstaltung teil. Dr. Moser erinnerte an die bereits 15-jährige Tradition des Arbeitskreises, dessen Arbeit sich bestens bewährt hat, was nicht zuletzt auch die ungebrochene Teilnehmerresonanz beweist. Sie dankte Henning Stibbe, dem Leiter des Historischen Archivs der Bus & Truck AG, für die Einladung.
Björn Loose, Head of Marketing bei der MAN Truck & Bus AG, zeigte sich erfreut über die starke Präsenz. Er gab einen Überblick über die weltweiten Aktivitäten des Konzerns, der zu den führenden internationalen Nutzfahrzeugherstellern zählt und 2015 mit rund 35.000 Beschäftigten sowie fast 75.000 verkauften Lastwagen und über 5.000 Bussen einen Umsatz von 9 Milliarden Euro erzielte.
Die Tagung stand unter dem Thema „Wirtschaft und Staat im Spannungsfeld - Herausforderungen für Archive“. Astrid Wolff, Leiterin des Firmenhistorischen Archivs der Giesecke & Devrient GmbH in München, berichtete über die Geschichte des 1852 in Leipzig gegründeten Unternehmens, das anfänglich als Kunstdruckerei arbeitete, aber schon bald Banknoten und Pässe für verschiedene deutsche Staaten sowie Wertpapiere für private Emittenten produzierte. Ab den 1960er Jahren stellte das Unternehmen auch Sicherheitspapiere, ab den 1970er Jahren Maschinen für die Banknotenbearbeitung und Chipkarten für Bankenanwendungen her. Außerdem war G&D maßgeblich an der Entwicklung von SIM- und ID-Karten beteiligt und verantwortet heute den Banknotendruck für über einhundert Staaten rund um den Globus. Das seit 1948 in München ansässige Unternehmen hatte sich dabei stets an den staatlichen Anforderungen und Richtlinien zu orientieren, setzte aber aufgrund seiner Innovationskraft selbst neue Qualitätsstandards, die von den staatlichen Auftraggebern übernommen wurden.
Mandy Weidner, Leiterin des Stadtarchivs Puchheim, berichtete über den Umgang mit der NS-Geschichte bei der Stadt Puchheim. Sie schilderte die aktuell im Landkreis Fürstenfeldbruck ausgelöste Debatte über Straßennamen, die an Personen mit Nazi-Vergangenheit oder anderen demokratie- und freiheitswidrigen Meinungen oder Handlungen erinnern. Als Beispiele für den offenen Umgang mit der NS-Geschichte stellte sie ihre Recherchen zur Amtszeit der beiden nationalsozialistischen Bürgermeister Puchheims vor, weiterhin ihre Forschungen zum Unternehmer Alois Harbeck, ab 1933 Inhaber der bedeutenden Puchheimer „Hausmull-Fabrik“, die bis 1949 für die gesamte Müllentsorgung der Großstadt München verantwortlich zeichnete. Nachweise für eine NS-Belastung (auch durch den Einsatz von Zwangsarbeitern) des 1964 zum Ehrenbürger ernannten und nach seinem Tod 1977 mit einer Straßenbenennung geehrten Unternehmers fanden sich bislang aber nicht. Anders verhält es sich mit einem lokal bedeutenden Maler, der der Stadt ein Gemälde mit einem idyllischen Puchheimer Wintermotiv vermachte, das in scharfem Kontrast zu seiner Wehrmachtsvergangenheit steht. Denn der Künstler war in der NS-Zeit als Kampfgruppenkommandeur mit der Gesamtführung des „Unternehmens Kalawrita“ betraut worden, der berüchtigten „Säuberungsaktion“ gegen griechische Partisanen auf dem Peloponnes. Ein unbefangener Blick auf das Puchheim-Bild ist seit der Aufdeckung dieser Zusammenhänge nicht mehr möglich.
Den Schlusspunkt des Vormittages setzte Katharina Köhn, Wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Archiv für Christlich-Soziale Politik der Hanns-Seidel-Stiftung in München. Sie berichtete aus der Praxis über Möglichkeiten und Grenzen der Archivierung von Inhalten aus dem Internet und den sozialen Netzwerken – eine neue Herausforderung, auch für Unternehmensarchive. Über den Einsatz eines Webcrawlers wurde das World Wide Web nach Inhalten und Web-Seiten zurück bis zum Jahr 2000 hinsichtlich der Provenienz CSU und Hanns-Seidel Stiftung durchsucht und bislang 3000 Spiegelungen archiviert. Ziel ist auch, systematisch Facebook-Accounts von CSU-Politikern zu archivieren, wofür jedoch in jedem Fall vorab die Zustimmung der Account-Inhaber erforderlich ist.
Im Anschluss an die Vorträge hatten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei einem Mittagsimbiss ausgiebig Gelegenheit zu einem regen Gedankenaustausch. Danach bestand die Möglichkeit einer Werksführung durch die Produktionshallen der MAN Truck & Bus AG, wobei die Gäste „hautnah“ den kompletten Zusammenbau eines schweren LKWs – vom Fahrgestell bis zum fertigmontierten fahrbereiten Truck – am Produktionsband begleiten konnten. Alternativ dazu führte Henning Stibbe durch das MAN Truck Forum, in der eine Ausstellung über die Historie der MAN-Nutzfahrzeugsparte informierte.


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